Abwasser liefert Energie

undefined Ein Arbeiter baut am Grund des nagelneuen Abwasserkanals die Wärmetauscher ein. Wenn sie geflutet werden, liefern sie Energie. Foto: Staufenpress

 

Göppinger Projekt zur Wärmegewinnung ist auf der Zielgeraden

Was Menschen und Firmen in Göppingen den Abfluss runter spülen, machen die Stadtwerke zu Energie. Jetzt wurden die Wärmetauscher in den Kanal am Bahnhof eingebaut. Das Vorzeigeprojekt ist bald startklar.

von Arnd Woletz

Noch sieht es sauber aus im nagelneuen Hauptkanal am Göppinger Bahnhof. Auf den blanken Beton der Riesen-Röhre mit 2,20 Meter Durchmesser haben die Bauarbeiter in den vergangenen Tagen große Wärmetauscher montiert. 57 Meter lang zieht sich die Edelstahl-Anlage am tiefsten Punkt des Kanals dahin. In wenigen Wochen wird alles unter dem Abwasserstrom verschwinden. Dann wird der neue Kanal am Bahnhof mit dem geflutet, was die Bewohner der Innenstadt, der östlichen und nördlichen Stadt bis hinauf zum Stauferpark durch den Abfluss laufen lassen. Dazu kommt Industrie- und Straßenabwasser. Maximal 7000 Liter pro Sekunde rauschen bald durch die Röhre. Weniger als 220 Liter pro Sekunde sind es zu keinem Zeitpunkt. Und das Abwasser ist nie kälter als 15 Grad.

Weil der Kanal ohnehin neu gebaut werden musste, hat die Stadt Göppingen die Chance ergriffen, dem Abwasser Energie zu entziehen. Es ist ein technisch komplexes System und im Landkreis das erste solche Vorhaben. In ganz Baden-Württemberg gibt es vielleicht zehn ähnliche Projekte, sagt Helmut Renftle, Leiter des städtischen Fachbereichs Tiefbau, Umwelt und Verkehr. Göppingen sei damit auf dem Weg zur klimafreundlichen Kommune. Immerhin spart das Kanalprojekt 150 Tonnen CO2 pro Jahr ein, erklärt Thomas Herp, dessen Ingenieurbüro für die Planung des Energiesystems verantwortlich war.

undefined Foto: Staufenpress

Trotz der hohen Investitionssumme von 600.000 Euro für die Anlage wird die Kloaken-Energie zum gleichen Preis wie konventionelle Energie erzeugt. Abnehmer ist die Kreissparkasse, die im Winter die aus dem Abwasser gewonnene Energie für das Heizen ihres Neubaus und des sanierten Hochhauses verwendet - und im Sommer zum Kühlen. Etwa 50 Prozent ihres Bedarfs stammt künftig aus dem Abwasser.

Dafür muss bei der Kreissparkasse umfangreiche Technik eingebaut werden. Die Gesamtanlage besteht neben den Wärmetauschern aus einem Blockheizkraftwerk, einer Wärmepumpe und einer Absorptions-Kältemaschine. Diese macht es möglich, dass anders als bei anderen Abwasserprojekten nicht nur Wärme gewonnen wird, sondern auch die Klimaanlage betrieben werden kann.

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Das System ist noch ausbaufähig: In dem 7,8 Millionen Euro teuren Kanal, der vom Bahnhof entlang der Gleise und durch die Bahnhofstraße bis fast nach Faurndau verläuft, ist noch reichlich Platz. Durchaus denkbar, dass künftig auch Neubauten entlang der Bahnlinie, der Bahnhof selbst oder das denkmalgeschützte Haus Bahnhofstraße 6 mit Energie aus Abwasser versorgt werden, sagt Helmut Renftle.

Jetzt werden aber zunächst die Restarbeiten erledigt, bevor der Kanal geflutet und die Anlage in Betrieb gehen kann. Dann sind die vielen Projektbeteiligten am Ziel: die Stadt als Initiator, die Stadtwerke als Betreiber, die Stadtentwässerung als Partner, die Kreissparkasse als Abnehmer und viele Firmen, die Know-How einbrachten. Die ersten Untersuchungen und Gutachten für das Energie-aus-Abwasser-Projekt gehen immerhin auf das Jahr 2008 zurück. Die Stadt hegt die Hoffnung, dass es für das Vorzeigeprojekt im kommenden Jahr Zuschüsse vom Land geben könnte.

22-11-2012, NWZ